Diese These unterschreibe ich in den allermeisten Fällen. Neue Linsen entsprechen dem aktuellen Stand der Forschung und haben in der Regel eine bessere Vergütung. Jedoch gibt es Situationen, da sind andere Eigenschaften gefragt.

Kein Autofokus, keine Schutzschicht auf der Frontlinse, die u.a. für den Ausschluss von UV-Licht sorgt und weniger reale Auflösung. Wer Objektive aus analogen Zeiten an heutige Digitalkameras schraubt, lebt üblicherweise mit der Unperfektheit der Technik von damals. Insbesondere der fehlende Autofokus ist für viele Fotografen ein Ausschlusskriterium. Zugegeben, es braucht ein wenig Eingewöhnung, die Fokusebene ähnlich schnell und genau zu setzen, wie es heutige Fokussysteme von Kamera und Objektiv in Kombination schaffen. Wer sich darauf einlässt, kann allerdings reichlich Geld sparen.

18-135mm vs. 100mm vs. 28mm
v.l.n.r.: 18-135mm (Kit-Objektiv, digital), 100mm (Macro-Objektiv, digital) und 28mm (Weitwinkel-Objektiv, analog)

Für den Eventbereich schließe ich für mich die Nutzung von Objektiven ohne Autofokusmodul aus. Augenblicke halten meist zu kurz an um den Ausschnitt zu wählen und parallel die Fokusebene dann zu treffen, wenn mir z.B. ein Sänger in die Kamera schaut.
Zudem würde die fehlende oder qualitativ bedeutend schlechtere Vergütung für deutlich mehr Flares im Bild führen, was bei Konzertfotos nicht immer gewünscht ist. Ganz lassen sich diese auch mit modernen Objektiven nicht verhindern, jedoch maßgeblich minimieren.
Viele „Altgläser“, die heute noch verwendet werden, sind sogenannte Festbrennweiten. Zoom-Objektive mit variabler Brennweite sind zu den heutigen zumeist nicht konkurrenzfähig. Bei der Vielzahl meiner Eventbesuche bin ich jedoch auf die Flexibilität eines Zooms angewiesen.

Hingegen verwende ich im Portraitbereich ab und an eine alte Festbrennweite. Dort ist deren Imperfektion ein gewolltes Stilmittel, speziell bei Gegenlichtaufnahmen. In diesem Fall wird die heute nicht mehr zeitgemäße Vergütung, die oftmals für das Entstehen von Flares verantwortlich ist, zum Vorteil. Im Gegenlicht aufgenommene Fotos erfreuen sich derzeit großer Beliebtheit. Durch den Verlust an Kontrast, verursacht durch das direkt aufs Objektiv fallende Licht, sind Hautunreinheiten weniger deutlich sichtbar – was insbesondere den weiblichen Teil der Menschheit freut. Dabei gibt es Objektive, die für ihre Flares berüchtigt sind. Ein wenig Recherche vor dem Gebrauchtkauf lohnt sich; um ein Exemplar zu erwischen, das schöne Ergebnisse erzielt.

Flare von oben
Nina im Gegenlicht
Nina im Gegenlicht (mit dem 18-135mm Kit-Objektiv entstanden)

Besonders empfehlenswert sind die beiden „Standardobjektive“, die früher mit analogen Kameras ausgeliefert wurden. Heute wird üblicherweise ein 18-55 Millimeter Zoom-Objektiv (an APS-C) oder eine vergleichbare Brennweite mitgeliefert. Damals gab es kein „Zoom“ beim Kamerakauf dazu, sondern eine 50 Millimeter Festbrennweite – und wenn man den Geldbeutel noch weiter leeren konnte und wollte, zusätzlich ein 28 Millimeter Weitwinkel. Während die 50 Millimeter-Linse sich besonders gut für klassische Portraitaufnahmen eignet, bietet das Weitwinkel z.B. Vorteile bei Ganzkörperaufnahmen.

Ich erwarb kürzlich ein solches 28 Millimeter.

Der Flare-Test muss bei diesem trüben Wetter noch warten. Jedoch konnte ich mir bereits eine andere Eigenschaft zunutze machen. Im Gegensatz zu neueren Objektiven verfügen ältere Modelle noch über einen sogenannten Blendenring, also die Option des Verstellens der Blende direkt am Objektiv. Dies ermöglicht eine ursprünglich nicht angedachte Form der Nutzung. Mit einem sogenannten Umkehrring lassen sich Objektive verkehrtherum an der Kamera ansetzen. So werden sie kurzerhand zum Makro-Objektiv. Im Falle des 28 Millimeter in meinem Besitz ergibt sich ein 2:1-Abbildungsmaßstab. Das bedeutet, es lassen sich Motive mit zweifacher Vergrößerung fotografieren. Den Blendenring braucht es zwingend, da bei dieser Form des Montierens keinerlei Signale vom Objektiv an die Kamera übertragen werden.

Die nachfolgenden Beispielfotos wurden zwecks Vergleichbarkeit allesamt mit denselben Kameraeinstellungen (f/5.6, 1/30s, ISO 1600) aufgenommen.

Kit-Objektiv
Naheinstellgrenze bei 55mm Brennweite
Naheinstellgrenze bei 55mm Brennweite

100mm Macro
Abbildungsmaßstab 1:1
Abbildungsmaßstab 1:1

28mm in Retro-Stellung
Abbildungsmaßstab 2:1
Abbildungsmaßstab 2:1

Wer beim Fotografieren Zeit hat, sollte analoge Objektive nicht per se ausschließen. Ich habe für meines, inklusive Umkehrring, etwas mehr als 40 Euro bezahlt. Aktuelle Neupreise vergleichbarer Brennweiten liegen um ein Vielfaches höher. Eine günstige Möglichkeit um als Fotografie-Anfänger verschiedene Brennweiten ausprobieren zu können. Im obigen Vergleich liefert die günstige Lösung gar einen besseren Abbildungsmaßstab als das etwa 20-fach teurere Macro-Objektiv.

Ich hatte eingangs noch angeführt, dass die Auflösung analoger zumeist unterhalb der neuerer Objektive aus dem Digitalzeitalter liegt. Megapixelzahlen sind jedoch quasi zu einem Marketing-Gag verkommen. Kameras mit 50 Megapixel nutzen dem „Otto-Normal-Anwender“ wenig, wenn von 2000 Objektiven im Angebot die teuersten zwei die Nenn-Auflösung der Kamera annähernd erreichen. Für Prints in Größen, die in Privatwohnungen aufgehängt werden, reicht die erzielte Auflösung analoger Optiken in der Regel vollkommen aus.

Keine Angst vor „Altglas“ – informieren, zuschlagen und Spaß haben!

Ein abschließender Tipp

Wer mit analogen Objektiven regelmäßig auf dem herkömmlichen Weg, also ohne umgekehrtes Ansetzen mittels Umkehrring, fotografieren möchte, könnte es hilfreich finden, wenn der Blendenring über eine sogenannte „A-Stellung“ verfügt. Dies bedeutet, das Objektiv ist „neueren Datums“ und bereits mit Kontakten ausgestattet, die das Wählen der Blende über die Einstellräder an der Kamera erlauben. So lässt es sich etwas komfortabler belichten.

Kamera mit 28mm in Retro-Stellung
Kamera mit 28mm in Retro-Stellung

Der Retro-Adapter
Der Retro-Adapter (wird mit Hilfe des Filtergewindes am Objektiv festgeschraubt)

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