Instinktiv arrangiere ich Fotos von Events und anderen Projekten zumeist in Sequenzen, oftmals mit einer zeitlichen Abfolge. Anfangs wusste ich nicht, dass dies auch als Photo Essay (auch Fotoessay oder Foto-Essay im Deutschen) bezeichnet wird. Als ich auf den Begriff stieß, war ich wie angezündet. Ich suchte nach „Best Practices“, wie man einen solchen Essay aufbaut. Meine Erkenntnisse schlummerten lange ungesehen auf einer Festplatte – bis heute.

Essay-Typen

Es gibt zwei verschiedene Formen, den themengebundenen Essay und den narrativen Essay.

Der themengebundene Essay beschränkt sich auf eine inhaltliche Sache, beleuchtet ein spezielles Milieu oder Thema. Ein Beispiel, das mich persönlich gefesselt hat, ist das Projekt von John Free, einem in Los Angeles ansässigen Fotografen. Er hat von den 70ern bis in die 80er hinein beinahe täglich Obdachlose fotografiert, die L.A. mit Güterzügen erreichten und im Umfeld des Güterbahnhofs lebten. In L.A. endet die legendäre Ost-West-Verbindung der U.S.A., die Obdachlosen bahnten sich ihren Weg z.T. von New York aus quer durchs Land nach Kalifornien. Der Bundesstaat an der Westküste war aufgrund seines milden Klimas ein beliebtes Ziel unter den Trampern. Der Güterbahnhof war ein gefährliches Milieu, in dem regelmäßig Menschen verschwanden oder ermordet wurden. John Free ließ sich davon nicht abschrecken. Fasziniert von den Menschen und ihren Geschichten, verlegte er kurzerhand seine Autowerkstatt in die Nähe des Güterbahnhofs um dort öfter fotografieren zu können. Er hatte eine besondere Hilfe, die ihm schnellen Zugang zu den Obdachlosen verschaffte. Free schloss Freundschaften, brachte seine Frau sowie sein zweijähriges Kind mit in dieses Milieu, zum Grillen unter einer Eisenbahnbrücke. Durch die Wahl der Brennweite von 28 Millimetern ist er enorm nah an seinen Motiven und zeigt gleichzeitig die zumeist trostlos anmutende Umgebung.
Du merkst, mich beeindruckt die Hingabe, die er für dieses Projekt entwickelte. Wenn es dich interessiert, findest du das Video (englische Sprache) auf dem YouTube-Kanal von John Free. Darin erzählt er mit derselben Hingabe, die man seinen Fotos anmerkt, von seinen Begegnungen und den Spuren, die sie bei ihm hinterlassen haben.

Der narrative Essay ist wohl das Sinnbild der fotojournalistischen Reportage. Eine Geschichte, teilweise mit mehreren Facetten, vielfach mit klarem Anfang und Ende. Beim Einlesen stößt man beinahe gezwungenermaßen auf W. Eugene Smith. Er gilt als Vorreiter der Photo Essays im journalistischen Magazinkontext. Eine seiner bekanntesten Sequenzen ist wohl der „Country Doctor“. 1948 fotografierte Smith diesen Essay, der einen Landarzt in der Nachkriegszeit hautnah bei Untersuchungen und Behandlungen, bis hin zur Amputation, zeigt. Der spätere Magnum-Fotograf fertigte die Serie für das LIFE-Magazin an und brachte Aufnahmen mit, die ein enormes Vertrauen des Protagonisten erfordert haben müssen. Anders wären solche Bilder, wie der auf dem Behandlungstisch schlafende Landarzt, nicht möglich gewesen. Er verbrachte, soweit ich mich erinnere, rund sechs Wochen mit dem Landarzt und gab diesem ausreichend Zeit, sich an seine Anwesenheit zu gewöhnen. Das Vertrauen erarbeitete Smith sich, indem er dem Arzt 14 Tage lang auf Schritt und Tritt folgte, ohne aber einen Film in die Kamera eingelegt zu haben.
Beim Anschauen wirst du verstehen, wieso dieser Essay immer wieder als Paradebeispiel herangezogen wird. Auf der LIFE-Webseite fand ich bis dato die Version mit den meisten Aufnahmen, knapp 40 Stück. Smith ist bis heute dafür bekannt, schiere Unmengen an Bildern abgeliefert zu haben. Aus heutiger Sicht sind 40 Bilder für einen Essay vielleicht etwas viel. Aber dazu später mehr.

Im Folgenden konzentriere ich mich auf den narrativen Essay und den Menschen als Protagonisten der Sequenz. Vieles lässt sich auf andere Themen und Motive adaptieren.

Thema

Es macht einen großen Unterschied, ob dein Essay im Rahmen einer Dienstleistung für einen Kunden, z.B. einen Eventveranstalter entsteht oder dieser das Ergebnis eines persönlichen Projektes ist. Während mit dem Kunden vorab klar vereinbart wird, welche Elemente diesem wichtig sind und du eine sichere Bezahlung in Aussicht hast, sind persönliche Projekte eine ganz andere Welt. In der Regel wirst du für diese nicht bezahlt, bist dafür aber frei in deiner Herangehensweise und im persönlichen Blickwinkel. Auf lange Sicht kann dir dieses Aufzeigen deiner Interessen mehr Kunden bringen, die dich als Person, deinen ganz eigenen Stil und Blickwinkel schätzen. Es lohnt sich.

Diese Freiheit ist aber auch mit Verantwortung verbunden. Du bist nun in der Situation, selbst ein Thema finden zu müssen, das du mit deinen Bildern erzählen möchtest. In der Regel wirst du dich mit diesem Thema über mehrere Tage, Wochen, Monate oder gar Jahre beschäftigen. Suche dir ein Projekt, das dich interessiert und dich ausreichend motiviert, dich über den nötigen Zeitraum damit zu befassen. Bestenfalls findest du ein Thema, das in deinem Umfeld präsent ist. Je kürzer die Wege, desto besser leichter kannst du an deinem Projekt arbeiten. Außerdem ist der Zugang zu deinen Protagonisten enorm wichtig. Im regionalen Umfeld ist die Chance höher, einen Fuß in die Tür zu bekommen. Musst du dir den Zugang zunächst erarbeiten, benötigt die Umsetzung deines Projektes mehr Zeit. Siehe „Country Doctor“.

Du möchtest deinen fertigen Essay sicherlich nicht in die heimische Schublade legen und unter Verschluss halten. Du bist Fotograf und möchtest, dass deine Bilder gesehen werden – dass sie etwas bewegen. Das funktioniert, wenn das von dir gewählte Thema eine gewisse Relevanz aufweist. Diese kann persönlicher oder gesellschaftlicher Natur sein. Eine Story über den Bäckermeister von nebenan, der die besten Brote der Stadt backt, interessiert das lokale Umfeld. Eine Story über den Bäckermeister von nebenan, der mit Produkten arbeitet, die gentechnisch verändert sind und stellvertretend für die Praxis eines ganzen Handwerks steht, interessiert die gesamte Gesellschaft.

Recherche

Dieser Abschnitt wird kurz, jedoch ist die Recherche wohl der wichtigste Aspekt. Eine gute Recherche entscheidet darüber, ob du das für dich richtige Thema wählst und erlaubt dir die, auf fundiertem Wissen basierende Wahl deines Blickwinkels für deinen Essay. Tauche tief in die Materie ein. Dich gut auszukennen, wird dir helfen, dich in den Kreisen deines Protagonisten sicher zu bewegen. Es ermöglichst dir zudem, vor Ort flexibel zu reagieren und ggf. deinen Blickwinkel noch einmal zu verändern. Das ist vielleicht nötig, wenn sich vor Ort neue Fakten auftun oder du feststellst, du hast die Situation, trotz gründlicher Vorabrecherche, aus der Ferne falsch eingeschätzt.

Blickwinkel

Als Kind dachte ich naiv, Journalisten berichten über die eine große Wahrheit. Mit der Zeit lernt man, dass nicht alles immer schwarz oder weiß ist und dass es die eine große Geschichte nicht gibt; oder sie schlicht zu groß ist, um sie in Gänze zu begreifen. Kleine Geschichten lassen sich immer finden. Bist du als Fotograf alleine unterwegs, kannst du beispielsweise eine ganze Fußball-WM nicht skizzieren. Aber du hast den Vorteil, dass du als einzelne Person kaum auffällst und an viele Orte kommst, wo ganze Teams zu sehr „auftragen“ würden. Du gelangst als Solo-Fotograf eher in eine Kabine vor dem Spiel, als dass dort ein ganzes Kamera-Team geduldet wird. Konzentriere dich auf kleine Geschichten und ordne diese innerhalb der großen ein, z.B. einen einzelnen Spieler oder ein Team bei der Fußball-WM. Du bist somit näher dran, kannst tiefer eintauchen und ganz andere Inhalte und Emotionen herausarbeiten als jemand, der kurz vorbeihuscht.

Für deinen Essay ist es wichtig, zu wissen, was die wichtigsten Bestandteile deiner Geschichte sind. Gibt es einen klaren Anfang und ein eindeutiges Ende, die dir als Richtschnur für die Gestaltung deines Essays helfen können? Aus welchen verschiedenen Perspektiven kannst du eine einzelne Geschichte erzählen? Welche ist dir wichtig? Welche verfügt über die höchste (gesellschaftliche) Relevanz? Unterliegst du zeitlichen Restriktionen, nimm dir nicht zu viele Stränge vor. Arbeite lieber an ein oder zwei kleinen Geschichten und diese dafür kristallklar heraus. Erzielst du mit diesem Essay ausreichend Aufmerksamkeit, kannst du eventuell noch einmal zurückkehren und weitere Aspekte beleuchten.

Ich habe unter anderem über zehn Jahre lang im eSport-Kontext Artikel sowie Pressemitteilungen verfasst und mich in dem Zuge mit dem Pressekodex beschäftigt. Es ist durchaus ratsam, sich diesen anzuschauen und bei Wahl von Thema und Blickwinkel im Hinterkopf zu haben. Mir hilft es jedenfalls.

Rechte

Du möchtest dich möglichst auf deine Fotografie konzentrieren. Daher empfehle ich, dich möglichst frühzeitig um die Einholung von nötigen Genehmigungen (z.B. Visa) und Einverständniserklärungen (Model Release, Property Release,…) zu bemühen. Je eher du das erledigt hast, desto freier ist dein Kopf für dein eigentliches Anliegen, deine Bilder.

Auch in Zeiten der DSGVO lässt es sich in Deutschland für private Zwecke fotografieren. Das gilt nicht für das Fotografieren auf fremdem Privatbesitz, beim Fotografieren von Menschen auf der Straße als Hauptmotiv kann es ebenfalls schon schwieriger werden. Bei Online-Veröffentlichung ist es vorbei, zumindest mit den privaten Zwecken. Es gibt unfassbar viele Fallstricke. Ich selbst fotografiere immer wieder Veranstaltungen, wo die Veröffentlichung von Fotos eine Grauzone ist, weil ich in der Regel keine schriftliche Erlaubnis des oder der Fotografierten habe. Das ist schlicht nicht leistbar. Ich veröffentliche trotzdem Bilder und lebe mit dem Restrisiko. Insofern jemand möchte, dass ich ein Foto lösche, folge ich diesem Wunsch selbstverständlich umgehend. Die Entscheidung, wie du mit einem möglichen Restrisiko in puncto Genehmigung im weitesten Sinne verfährst, kann und will ich dir nicht abnehmen. Ich rate jedoch dazu, stets auf Nummer sicher zu gehen und das schriftliche Einverständnis einzuholen.

Disclaimer: Ich bin kein Rechtsanwalt und gebe an dieser Stelle keine Rechtsberatung. Wer sich gezielt informieren möchte, ziehe bitte einen Fachmann zu Rate.

Inhaltliche Bestandteile

Die nachfolgenden acht Typen sind klassische Bestandteile eines Photo Essays. Jedoch müssen nicht alle Inhalte in jeder Serie vorkommen. Sie sind eine Richtschnur, kein Muss. Zu beachten ist, dass die Sequenz für sich alleine stehen und ohne Text auskommen können muss. Die von dir gewählte finale Reihenfolge ist von entscheidender Bedeutung, damit der Betrachter die Chance hat, dein Thema und deinen Blickwinkel zu begreifen.

1. Establishing Shot / Opener
Einführung ins grobe Setting des Essays / Zumeist eine Weitwinkel- oder Drohnenaufnahme

Establishing Shot / Opener


2. Medium Shot
Einführung der Protagonisten / Brennweite und Blende bewusst wählen, damit das nähere Setting zu sehen ist

Medium Shot


3. Close-Up Shot / Detail Shot
Oftmals Abstrakt / Zeigt dem Betrachter Details, die z.B. in einem Medium Shot untergegangen wären / Besonders kleine Elemente lassen sich als Mosaik in einem Bild der Serie zeigen

Close-Up Shot / Detail Shot

Close-Up Shot / Detail Shot 02


4. Portrait
Bild des Protagonisten / Entweder ein klassisches, gestelltes Portrait oder ein Environmental Portrait, z.B. am Rande einer für den Protagonisten typischen Tätigkeit / Schafft emotionalen Bezug

Portrait


5. Sequence
Unterstreicht den chronologischen Ablauf der Serie, hält sie zusammen

Sequence 01

Sequence 02

Sequence 03


6. Action Shot
Dramatische, emotionale Aufnahme, z.B. Interaktion zwischen Personen mit Momenten und Gesten, die die visuelle Kraft des Essays steigern

Action Shot 01

Action Shot 02

Action Shot 03


7. Signature Image / Lead Photo
Stärkste Aufnahme mit dem höchsten visuellen Einfluss / Zieht den Betrachter in die Serie, fungiert in der Regel als Cover-/Titelbild

Signature Image / Lead Photo


8. Closer / Endshot / Clincher
Neben dem ersten Bild der Sequenz, die wichtigste Aufnahme (wegen des bleibenden Eindrucks) / Zusammenfassung, finaler Gedanke, Fazit

Closer


Länge

Blicke ich auf meine erste Foto-Reportage zurück, habe ich über einen halben Tag hinweg fotografiert, ca. 800 Aufnahmen geschossen, 150 Stück (also fast 20%) davon als mein finales Ergebnis ausgewiesen und mit einer grauenhaften Bildbearbeitung versehen. Damals kannte ich den Begriff des Photo Essays noch nicht und hatte auch kein Gefühl dafür, wie sehr ich meine guten Fotos durch die schiere Gesamtanzahl verwässere. Glücklicherweise bin ich einigermaßen lernfähig.

150 Fotos sind zu viele für einen Essay und auch W. Eugene Smith hat mit rund 40 Aufnahmen seinen „Country Doctor“ tendenziell überstrapaziert. Ein grober Richtwert sind etwa 10 bis maximal 15 starke Bilder. Mit dieser Anzahl lässt sich eine Geschichte wunderbar erzählen, teilweise sogar mit weniger Aufnahmen. Bist du dir unsicher, ob eine Geschichte mit einer geringeren Bildanzahl weiterhin funktioniert, probiere es aus. Reduziere auf einen Schlag um die Hälfte oder noch mehr. Das muss nicht die finale Anzahl sein, hilft jedoch beim Identifizieren (für den Essay) überflüssiger Fotos.

Generell gilt, du solltest deine Sequenz nicht durch Redundanz schwächen. Vermeide Wiederholungen und treibe die Story mit jedem Bild konsequent voran. Trägt ein Foto nicht zur Geschichte bei, lasse es weg. Vermeide Emotionen bei der Bildauswahl. Ein herausragendes Einzelfoto, das nicht zur restlichen Auswahl passt, ist wegzulassen. Das kann im ersten Moment schmerzhaft sein, im Englischen heißt es passenderweise „kill your darlings“. Gezieltes Feedback von außen kann helfen, emotional bedingte Fehlentscheidungen zu vermeiden.

Es gibt Ausnahmen von der Regel. Tagesbegleitungen von Hochzeiten werden vielfach als Photo Essay in Form eines Buches oder dergleichen aufbereitet. Dafür braucht es mehr als 10 oder 15 Bilder. Allein schon deshalb, damit möglichst viele Gäste Teil dieser wertvollen Erinnerungsfotos werden. Ähnlich verhält es sich mit den von mir als Beispiel herangezogenen Seifenkistenrennen. Alle Eltern möchten zumindest ein schönes Foto von ihrem eigenen Kind.

Zielmedium

Wer seine erste Reportage fotografiert und anschließend seine Bildauswahl trifft, wird vielfach feststellen, dass an manchen Stellen eine weitere Aufnahme mit anderer Perspektive oder anderem Objektiv geholfen hätte um die bestmögliche Geschichte zu erzählen. Es ging mir genauso. Ich habe Fotos gemacht, mich über die Ergebnisse gefreut und das Medium, worüber der Essay später veröffentlicht werden sollte, zu keiner Zeit im Blick gehabt.

Möchtest du zukünftig mehr Essays produzieren und auf dem einen oder anderen Wege auch veröffentlicht wissen, kann ich dir nur nahelegen, dich mit den verschiedenen Publikationsmöglichkeiten deren Besonderheiten zu befassen. Titelbilder für Webseiten bedürfen heutzutage eines Querformates, einem mittig platzierten Motiv und etwas Luft auf allen Seiten. Sie werden auf verschiedenen Endgeräten automatisch unterschiedlich beschnitten. Ein Zugeständnis an die immer weiter steigende Nutzung von mobilen Endgeräten, auf denen diese Querformate vielleicht sogar als Hochformat dargestellt werden. Hingegen wird für den Printbereich (Magazin, Buch, Zeitung,…) oftmals das Hochformat benötigt.

Je besser du um die Besonderheiten weißt, desto eindrucksvollere Ergebnisse kannst du liefern. Nicht alle Formate lassen sich durch nachträglichen Beschnitt generieren. Du solltest bereits beim Fotografieren darauf achten, möglichst viele Optionen für das jeweilige Zielmedium zu generieren. Spannende Motive nur im Querformat zu fotografieren, ist nicht die beste Idee. Einige Nutzungszwecke für produzierte Inhalte ergeben sich vielfach erst im Nachhinein, teils Monate oder Jahre später – und dann solltest du liefern können.

Text

Die Kombination aus Bild und Text ist traditionell stark. Manchmal liefern Bilder Informationen oder Emotionen, die Text nicht vermitteln kann, ein anderes Mal ist es umgekehrt. Du kennst dich selbst und weißt, ob du eher der Typ für einen prägnanten Titel und höchstens ein paar Bildunterschriften bist. Womöglich lässt du dich noch zu ein, zwei kurzen Paragraphen am Anfang oder Ende deines Essays hinreißen. Eventuell nutzt du die Fotografie um deine journalistischen Texte zu unterstreichen. Alles ist möglich. Wichtig ist eins: Text und Bild sollten sich stets ergänzen und nicht redundant sein. Sieht man auf einem Bild eindeutig eine Frau, die einen Korb auf dem Kopf balanciert, sollte das nicht auch die Bildunterschrift sein. Vielmehr könnte die Unterschrift den Namen der Frau enthalten, Zweck oder Ziel beschreiben. So schaffst du einen klaren Mehrwert für den Betrachter.

Oft glauben wir, wir könnten uns alles merken. Aber kurze Notizen empfehlen sich nicht ausschließlich bei Langzeitprojekten. Du bist gegebenenfalls innerhalb kürzester Zeit mit einer Vielzahl von neuen Eindrücken konfrontiert, die du nicht alle abspeichern und später auf Kommando abrufen kannst.

Multimedia

Unsere „Fotoapparate“ haben heute teils herausragende Video-Eigenschaften. Beschäftige dich mit Bewegtbild und Ton. Neben Video(-Interviews) ließen sich beispielsweise ein Podcast oder O-Töne produzieren. Multimediale Inhalte können gemeinsam mit dem Foto-Essay selbst gezeigt werden oder diesen als Werbung unterstützen. Eventuell nimmt der Foto-Essay selbst eine unterstützende Rolle für ein anderes Medium ein. Das gilt insbesondere für den Fall, dass hochwertiges Videomaterial existiert. Konzentrierst du dich reinweg auf Fotografie, ist dies der ideale Ansatz für eine gewinnbringende Kooperation im Videobereich oder durch den Start deiner Podcast-Karriere als Gast in einem bereits existierenden Format.

Final-Beispiel

Die oben gezeigten Beispielaufnahmen entstammen einem persönlichen Foto-Projekt, bei dem ich seit einigen Jahren eine Ferien-Aktion des Dortmunder Jugendamtes begleite: Die Formel Respekt – „Seifenkisten für Respekt, Toleranz und Verständigung“. Um ein möglichst eingängiges Beispiel zu kreieren habe ich es mir erlaubt, Material aus mehreren Jahren zu einem fiktiven Essay zusammenzufügen. Ideal für diesen Artikel wäre die exklusive Begleitung eines Teams und eines Fahrers gewesen, so dass ein klarer Protagonist existiert hätte. Es bedarf ein wenig Vorstellungsvermögen, eine zusammenpassende Sequenz zu erkennen.

Ich habe bereits erwähnt, das erste und das letzte Foto des Essays sind für die Wahrnehmung des Betrachters entscheidend. Das erste Bild weckt idealerweise Interesse und führt ihn in die gesamte Sequenz ein, das letzte entlässt den Betrachter mit einer Meinung zurück in die Welt. Zwischen dem ersten und dem letzten Bild können, von der oben genannten Empfehlung ausgehend, bis zu 13 weitere Aufnahmen liegen. Daher empfiehlt es sich, die Chronologie nicht vollumfänglich korrekt abzubilden. Es lohnt sich eher, zu schauen, dass sich schwächere Einzelbilder, die die Serie voranbringen, mit starken Einzelbildern (z.B. Detail Shots / Action Shots) abwechseln. Auf diese Weise vermittelst du dem Betrachter den Eindruck eines gleichbleibend hohen Levels.

Eine der vielen möglichen Lösungen könnte so aussehen (ins Layout dürfte noch etwas Zeit investiert werden):

#01
Signature Image / Lead Photo
Siegessicher. Der emotionaler Ausbruch kurz vor der Ziellinie hätte beinahe noch den Gegner zum Gewinner gemacht.

#02
Establishing Shot / Opener
Die Testläufe beginnen, erste Zuschauer säumen bereits die abgesperrte Strecke.

#03
Medium Shot
Die obligatorische Fahrerbesprechung vor dem Start der Testläufe. Wichtigstes Anliegen der Rennleitung: Gesund bleiben und Spaß haben!

#04
Action Shot 02
Bezirksbürgermeister Ralf Stoltze gibt offiziell den ersten Wertungslauf des Tages frei.

#05
Sequence 01
Gelungener Start!

#06
Sequence 02
In voller Fahrt, dem Gegner um mehr als eine Wagenlänge enteilt.

#07
Sequence 03
Mit Muskelkraft vom Vater zurück nach oben. Im Hintergrund sieht man die Rennleitung. Die Mittagssonne scheint erbarmunslos. Bei klarem Himmel und 30° Celsius wird jede Gelegenheit genutzt, den Schatten aufzusuchen.

#08
Close-Up Shot / Detail Shot
Die Technik der Boliden unterscheidet sich massiv und manches wird vor Ort gerichtet, wenn nach einem Lauf ein Defekt auftritt.

#09
Action Shot 01
Der einzige eklatante Fehler beim Start. Panisch ins Lenkrad gegriffen, die Bande tuschiert, zurück in die Spur gefunden und sogar das Rennen gewonnen.

#10
Close-Up Shot / Detail Shot 02
Inmitten der Finalläufe: Die Pokale warten auf die Top3-Fahrer der verschiedenen Wertungsklassen.

#11
Action Shot 03
Das letzte Rennen des Tages sollte nicht das schnellste werden. Aber mit fast einer Sekunde Vorsprung gewinnt das dominante Team souverän. Für unseren Fahrer mit den fliegenden Fäusten reicht es nicht zum Finaleinzug.

#12
Closer
Verlierer gibt es heute nicht, nur Gewinner. Eltern und Kinder laufen gleichermaßen lachend umher und genießen das grandiose Wetter in vollen Zügen. Ganz analog und draußen.

Fazit

Einzelbilder können beeindrucken. Für mich ist die Königsdisziplin jedoch das konstante Reproduzieren hochwertiger Ergebnisse, die im Abliefern von (gesellschaftlich) relevanten Serien, Sequenzen und Essays münden. Ich hoffe, ich konnte bei dir die Begeisterung für diese spannende Form der Fotografie und ihrer Präsentation wecken. Planst du derzeit einen Essay oder befindest dich in der finalen Bildauswahl? Schicke mir eine E-Mail oder verlinke mich in Social Media (@cspixde), wenn ich dir helfen konnte. Ich bin auf deine Ergebnisse gespannt!